Donnerstag, 3. April 2025

InterviewVon der Wirtschaft durchdrungen

[02.12.2022] Bei früheren Digitalisierungsprogrammen wie Media@Komm und BundOnline 2005 war die Wirtschaft stark eingebunden. Das ist beim heutigen Onlinezugangsgesetz anders. Ein Fehler? Der Databund-Geschäftsführer Detlef Sander im Gespräch.
Detlef Sander: Digitalisierung ist eine Gemeinschaftsaufgabe.

Detlef Sander: Digitalisierung ist eine Gemeinschaftsaufgabe.

(Bildquelle: Databund/Pollert)

Herr Sander, die Verwaltungsdigitalisierung in Deutschland kann bereits auf eine längere Geschichte zurückblicken. Es gab schon Ende der 1990er-Jahre die Programme Media@Komm und später dann BundOnline 2005 (wir berichteten). Auf welche Weise war die Privatwirtschaft daran beteiligt?

Die Privatwirtschaft war damals auf verschiedene Weise eingebunden und eine so deutliche Trennung zwischen Privat und Staat gab es bei Media@Komm noch nicht – das entstand erst danach. Es gab Mischformen wie das Joint Venture Governikus, die damals als bremen online services beteiligt waren, und es gab eine kooperative Zusammenarbeit mit Unternehmen und Start-ups in Nürnberg und Esslingen. Nicht zu vergessen: Etwa die Hälfte der finanziellen Mittel wurden von Kommunen und Wirtschaft gemeinsam aufgebracht. Insofern waren die Projekte damals komplett von der Wirtschaft durchdrungen. Die Digitalisierung wurde als gemeinsame Herausforderung definiert und gemeinsam angegangen. Ich will nicht sagen, dass Media@Komm nur deshalb das erfolgreichste und effizienteste Digitalisierungsprojekt war, aber die Wirtschaft hatte neben den Kommunen einen großen Anteil daran.

Unter Beteiligung der Privatwirtschaft sind XML-Datenaustauschformate etwa für Kfz und Gewerbemeldungen entstanden oder ein Verfahrensmodell für Geschäftsprozesse. Existieren die noch heute?

Media@Komm war von Anfang an als Wettbewerb konzipiert. Jedes Projekt und alle Beteiligten wollten die Nase vorn haben. Es war auch das einzige Programm, das von Anfang an auf Standardisierung setzte und sie institutionalisiert hat. Nicht nur mit dem Aufbau der OSCI-Leitstelle in Bremen, sondern auch durch die Einbindung des Deutschen Instituts für Normung. So wurden unter der Leitung des DIN mit den wichtigsten Software-Herstellern im kommunalen Sektor innerhalb von zwei Jahren mehrere wegweisende Standards entwickelt. Nach dem Ende von Media@Komm fehlte aber eine Institution, welche die Standards für alle als verbindlich erklärt hätte. Zudem wollte sich die öffentliche Hand diese Dinge nicht von der Wirtschaft vorschreiben lassen. Die öffentlichen Akteure begannen eigene Standards nach dem gleichen Schema zu entwickeln, sodass es zeitweise zwei XStandards für dasselbe Thema gab. Hervorheben will ich auch, dass es schon damals beim DIN gute Entwicklungen gab, die leider bis heute von niemandem aufgegriffen wurden. Beispielsweise gab einen Standard für das User Interface von E-Government-Diensten. Den könnten wir heute gut gebrauchen, wo jedes Land seine EfA-Leistungen so entwickelt, wie es ihm gefällt.

„Wir sollten lernen, dass Digitalisierung eine Gemeinschaftsaufgabe ist.“
Was ist von MEDIA@Komm und von BundOnline 2005 geblieben?

Media@Komm ist aus unserer Sicht das bisher effizienteste E-Government-Projekt des Staates gewesen. Der finanzielle Rahmen war überschaubar und von den Ergebnissen wie OSCI und den XStandards profitieren wir noch heute. BundOnline 2005 war das erste Programm mit neuen Projektstrukturen. Es war viel Geld im Spiel und lockte neue Player wie die großen Beratungsunternehmen an. Zum Nachweis des Erfolgs wurden einfach Kästchen gezählt. Geblieben ist aus unserer Sicht nicht viel, aber fairerweise muss ich sagen, dass wir eher auf der kommunalen Ebene unterwegs sind.

Der Bund reklamierte 440 fertiggestellte Leistungen im Jahr 2005? Wie erklärt es sich, dass im Zuge des Onlinezugangsgesetzes nochmal 115 Leistungen angegangen worden sind? 

Das meinte ich mit ´Kästchen zählen`. Bei BundOnline 2005 hatte man sich von den Realitäten gelöst. Eine Leistung wurde als digitalisiert angenommen, wenn bestimmte Kriterien erfüllt waren, die aber nichts mit der tatsächlichen Nutzbarkeit zu tun hatten. Die meisten Leistungen waren in der Praxis unbrauchbar oder durften wegen fehlenden Rechtsrahmens gar nicht eingesetzt werden. Das hat der Bund später erst erkannt. Wir hatten allerdings diese Erkenntnis bereits fünf Jahre vorher in den Arbeitsgruppen beim DIN gewonnen, als wir versuchten, fachbereichsübergreifend einen Adress-Datensatz zu standardisieren und dabei beispielsweise feststellten, dass gesetzlich im Standesamtsrecht die Adresse anders und inkompatibel definiert war als im Melderecht. An der Stelle enden dann die Möglichkeiten der technischen Expertise und die Politik hätte ins Arbeiten kommen müssen, anstatt ständig neue Projekte ins Leben zu rufen und mit viel Geld auszustatten.

Was können wir aus der Geschichte der Verwaltungsdigitalisierung für die Zukunft lernen?

Wir sollten daraus lernen, dass Digitalisierung eine Gemeinschaftsaufgabe ist, so wie sie schon bei Media@Komm von den Teilnehmern verstanden wurde. Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft müssen kooperativ und gemeinsam Prozesse und Anwendungen entwickeln, statt diese vom Bund ohne Einbeziehung der Akteure vorgegeben zu bekommen. Zudem sollten die Prozesse gemeinsamen Standards folgen und damit bundesweit einsetzbar sein. Die Wirtschaft bei der Digitalisierung immer mehr zu diskreditieren und auszusperren, ist eine gefährliche Sackgasse. Die Politik muss ihrer Rolle als Rechtsetzungsinstitution nachkommen und einen Rahmen schaffen, in dem Innovation und Modernisierung in der Verwaltung überhaupt erst möglich werden. Auf keinen Fall sollten Technologien gesetzlich vorgegeben werden, die dann meist schon veraltet sind, wenn das Gesetz in Kraft tritt. Nicht zuletzt sind wir ein dezentral organisiertes Land – wenn Digitalisierung erfolgreich sein soll, muss sie den Bedürfnissen von Verwaltungen und Menschen vor Ort entsprechen, so unterschiedlich sie in der Fläche auch sein mögen.

Helmut Merschmann




Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik

Niedersachsen: Pakt für Kommunalinvestitionen

[25.03.2025] Die niedersächsische Landesregierung stellt den Kommunen 640 Millionen Euro aus dem Jahresüberschuss 2024 zur Verfügung. Mit dem neuen Kommunalinvestitionsprogramm sollen Städte, Gemeinden und Kreise gezielt entlastet werden – ohne Eigenanteil und mit flexibler Mittelverwendung. mehr...

Cover des D21 Digital-Index 2024/25

D21-Digital-Index: Digitale Resilienz als Schlüssel

[10.03.2025] Alljährlich liefert D21 mit ihrem Digital-Index ein umfassendes Lagebild zum Digitalisierungsgrad in Deutschland. Nun hat die Initiative ihre Studie für 2024/25 vorgelegt. Demnach verändern digitale Technologien Gesellschaft und Wirtschaft tiefgreifend – die Auswirkungen auf Wirtschaft und Arbeit werden aber weitgehend unterschätzt. mehr...

Vektorgrafik, die ein Team zeigt, das Puzzleteile zusammenfügt.

Beckum: d-NRW-Beitritt beschlossen

[03.03.2025] Um Zeit und Aufwand bei der Ausweitung ihrer digitalen Verwaltungsservices zu sparen, tritt die Stadt Beckum der d-NRW bei. Als Trägerin der rechtsfähigen Anstalt des öffentlichen Rechts wird sie unter anderem von einer ausschreibungsfreien Nachnutzung von OZG-Leistungen profitieren. mehr...

muenchen_neues_rathaus

München: Fortschreibung der Digitalisierungsstrategie

[13.02.2025] Der Münchner Stadtrat hat die fünfte Fortschreibung der Digitalisierungsstrategie der bayerischen Landeshauptstadt beschlossen. Sie beinhaltet unter anderem den Aufbau eines Kompetenzschwerpunkts für User Experience sowie eine neue Formulierung des strategischen Prinzips der nutzerzentrierten Gestaltung. mehr...

OZG: „Aufenthalt“ erreicht alle Milestones

[07.02.2025] Das maßgeblich vom Land Brandenburg vorangetriebene OZG-Projekt „Aufenthalt“ hat alle Vorgaben des OZG-Verwaltungsabkommens erfüllt. Inzwischen nutzen über 270 Ausländerbehörden die digitalen Dienste, weitere 170 befinden sich im Roll-out. Die Weiterentwicklung läuft kontinuierlich. mehr...

Porträt Dr. Daniela Dylakiewicz

Sachsen: Neue CIO für den Freistaat

[07.02.2025] Daniela Dylakiewicz ist neue CIO des Freistaats Sachsen. Um die digitale Verwaltungstransformation voranzutreiben, strebt sie eine enge Zusammenarbeit mit den Kommunen des Landes an. mehr...

Diagramm zur räumlichen, fachlichen und funktionalen Bündelung von Verwaltungsaufgaben.

Deutscher Landkreistag: Aufgabenbündelung ja, Verfassungsänderung nein

[06.02.2025] Der vom Normenkontrollrat vorgebrachte Vorschlag einer stärkeren Bündelung staatlicher Aufgaben wird vom Deutschen Landkreistag unterstützt. Der kommunale Spitzenverband warnt aber auch vor zentralistischen Strukturen und lehnt vorgeschlagene Verfassungsänderungen ab. mehr...

Screenshot der Startseite von smartvest.ruhr.

Kreis Recklinghausen: Info-Plattform zum Smart-City-Ansatz

[03.02.2025] Eine Informationsplattform zur regionalen Digitalisierungsstrategie haben der Kreis Recklinghausen und die zehn kreisangehörigen Städte online geschaltet. Das Portal stellt die fünf Handlungsfelder und unterschiedlichen Projekte rund um den Smart-City-Ansatz vor und listet Neuigkeiten und Veranstaltungshinweise auf. mehr...

bayern-Flaggen

Bayern: Einheitlicher kommunaler IT-Dienstleister geplant

[28.01.2025] Im Frühjahr startet die neue Umsetzungsphase der Zukunftskommission #Digitales Bayern 5.0. Unter den Maßnahmen ist auch die Einführung eines einheitlichen kommunalen IT-Dienstleisters bis Ende 2025. mehr...

Blick über die Spree aufs Bundeskanzleramt

Vitako: 10-Punkte-Plan zur Digitalisierung

[24.01.2025] Vitako fordert in einem 10-Punkte-Plan klare Prioritäten, Investitionen und Kooperation aller Ebenen, um die Digitalisierung voranzutreiben und Krisen zu kontern. Dabei gehe es um die Sicherung kommunaler Handlungsfähigkeit ebenso wie um die nationale Koordination und die Berücksichtigung EU-weiter Strategien. mehr...

Eine Person blättert in einer Broschüre zur neuen Hamburger Digitalstrategie

Hamburg: Neue Digitalstrategie vorgestellt

[22.01.2025] Hamburg hat seine neue Digitalstrategie präsentiert. In den kommenden Jahren soll das digitale Angebot konsequent ausgebaut werden, um den Kontakt mit den Behörden so einfach und effizient wie möglich zu gestalten. Wo es möglich ist, setzt die Freie und Hansestadt dabei auch auf Automatisierung und Künstliche Intelligenz. mehr...

Vektorgrafik eines Organigramms.

Wolfsburg: Neuer smarter Geschäftsbereich

[20.01.2025] Mit organisatorischen Änderungen ist die Wolfsburger Stadtverwaltung in das neue Jahr gestartet. Unter anderem wurden die Bereiche Informationstechnologie und Smart City im Geschäftsbereich Smart City und IT-Services zusammengeführt. mehr...

Porträt von Elena Yorgova-Ramanauskas, Staatssekretärin und Landes-CIO im Saarland

Saarland: Digitalisierungsoffensive für Kommunen wird konkreter

[20.01.2025] Die 2021 auf den Weg gebrachte Digitalisierungsoffensive für Kommunen im Saarland nimmt Gestalt an: 17 Millionen Euro aus dem Sondervermögen Pandemie wurden an konkrete Projekte gebunden, darunter KI-gestützte Chatbots, Verkehrsdatenerfassung und Straßenmanagementsysteme. mehr...

Hessens Digitalministerin Kristina Sinemus und die Vertreter der kommunalen Spitzenverbände des Landes präsentieren die Kooperationsurkunden.

Hessen: Kommunale Verwaltungsdigitalisierung wird gestärkt

[15.01.2025] Das Land Hessen und die kommunalen Spitzenverbände wollen die kommunale Verwaltungsdigitalisierung weiter unterstützen. Die bisherige Koordinierungsstelle OZG-Kommunal wird zur Kompetenzstelle erweitert, die Digitalisierungsplattform civento wird weiter finanziert. mehr...

Porträt von Ina-Maria-Ulbrich

IT-Planungsrat: Kommunen im Fokus

[13.01.2025] Im Jahr 2025 führt Mecklenburg-Vorpommern den IT-Planungsrat. Im Fokus sollen die Föderale Digitalstrategie und eine stärkere Einbindung der Kommunen stehen. Geplant ist auch eine Stärkung und Weiterentwicklung der FITKO. mehr...